Am Slogan, der hier stehen soll, wird noch geknobelt ;-)

"Es gibt Hoffnung, rufe an, bevor du springst!"

Ob er nicht befürchte, dass sein frisch errichtetes Bauwerk die Selbstmörder von überallher anziehen werde, wurde Joseph Strauss bei der Einweihungsfeier von Reportern der örtlichen Zeitungen gefragt. Das war im Jahr 1937. Der Chefkonstrukteur der Golden Gate Bridge verstand die Frage nicht. „Wer sollte das wohl tun wollen", fragte er erstaunt zurück. Es dauerte nur ein paar Monate, da sprang der Erste, ein Veteran aus dem 1. Weltkrieg, und machte seinem Leben ein Ende. Bis zum Jahr 1995 folgten ihm 999 weitere. Danach hat die Stadt San Francisco aufgehört zu zählen – aus Imagegründen. Klar ist trotzdem: Kein anderes Bauwerk hat so viele Tote zu beklagen wie die Golden Gate Bridge. Klar ist aber auch: Kein anderes Brückenbauwerk fasziniert die Menschen derart und zieht sie in ihren Bann wie dieses. Trotz der vielen Selbstmörder – oder vielleicht gerade deswegen. Jetzt ist die Golden Gate Bridge 75 Jahre alt geworden.

Bild "News:san_9.jpg"Wer nach San Francisco kommt, der merkt schnell: Auf Golden Gate sind eigentlich immer Völkerscharen unterwegs. Fahrradfahrer konkurrieren mit den Fußgängern auf dem schmalen Gehweg entlang der 2,7 Kilometer. Und natürlich die nie abreißende Autoschlange. Wer auf der Brücke steht, bekommt einen Eindruck von ihren riesigen Dimensionen. Die rostroten Hauptseile, die von Weitem so elegant für die Form sorgen, erweisen sich aus der Nähe als monströse Stahlkonstruktionen mit einem knappen Meter Durchmesser. Jeder der im Art-Deco-Stil errichteten Hauptpfeiler ist 227 Meter hoch. Sieht man über die Brüstung, schweift der Blick über die San Francisco Bay, vorbei an Alcatraz hin zur City. Fast scheint es, als wäre der Anblick gemalt. Die wild um sich knipsenden Touristen versuchen, die Situation fürs Fotoalbum einzufangen. Doch das einzigartige Gefühl, welches einem dieser Blick beschert, lässt sich nicht in Bits und Bytes festhalten.

Eine Brücke über die San Francisco Bay hielt man vor hundert Jahren für nicht machbar. Erste Pläne stammten schon aus dem Jahr 1872. Doch die Experten warnten. Nicht nur, dass an der engsten Stelle am Eingang der Bucht von San Francisco immer noch 1.600 Meter zu überwinden waren und das Meer an dieser Stelle bis zu 90 Meter tief ist. Dazu kräftige Winde, der berüchtigte Küstennebel von San Francisco und gefährliche Unterwasserströmungen. Noch schwerer wog die Tatsache, dass es sich um aktives Erdbebengebiet ganz unweit des San-Andreas-Grabens handelte. Nur 13 Kilometer trennten den Eingang der Bucht vom Epizentrum des San-Francisco-Erdbebens von 1906, das 3000 Tote forderte und bis heute eine der verheerendsten Naturkatastrophen der USA geblieben ist.

Bei ihrer Eröffnung brach die Brücke sämtliche Rekorde ihrer Zeit

Doch Joseph B. Strauss scherte sich um all diese Bedenken nicht. Zur Hilfe kam ihm, dass die Fähren, die die Menschen bis dahin von der einen auf die andere Seite der Bucht gebracht hatten, an ihre Kapazitätsgrenzen gekommen waren. Zwar erhoben die Fährbetreiber zunächst Klage gegen den Brückenbau, zogen diese allerdings zurück - auch weil sich die Bevölkerung vehement für die Brücke einsetzte und die Fähren kurzerhand boykottierte. Doch auch das Interesse der Wirtschaft an einem schnelleren und effizienteren Transport ihrer Waren beförderte den Brückenbau. Die Verbindung wurde in der Zeit vom 5. Januar 1933 bis zum 19. April 1937 gebaut.

Technisch stellte die Errichtung eine enorme Herausforderung dar. Die Brücke brach alle möglichen Rekorde dieser Zeit: die höchsten Pfeiler mit 227 Metern, die längsten (2332 Meter) und dicksten Kabelstränge sowie die größten Unterwasserfundamente. Architektonisch folgte die Errichtung dem Entwurf des Brückenarchitekten und Bauingenieurs Othmar Ammann, der bereits die George-Washington-Brücke über den Hudson River in New York entworfen und gebaut hatte. Benannt wurde die Brücke nach der Einfahrt zur Bucht von San Francisco. Ihren Namen – das Goldene Tor – hatte die Passage während des Goldrausches in Kalifornien erhalten.

Brückenbauer Joseph B. Strauss war ein kranker Mann, als sein Bauwerk am 27. Mai 1937 schließlich offiziell eröffnet wurde. Anstatt einer Eröffnungsrede reichte es nur zu einem einzigen Satz, den er mit zittriger Stimme der Nachwelt auf den Weg gab: „Diese Brücke braucht weder Lob noch Elogen, sie spricht für sich selbst." Ein Jahr später war Strauss tot, die Brücke aber lebte, und sein Wort wurde wahr. Was Länge und Größe betrifft, ist sie heute von vielen anderen Bauwerken überholt worden. Aber keine andere Brücke dieser Welt wurde so zum Mythos wie Golden Gate. Dabei hätte sie, wenn es nach den ursprünglichen Planungen von Joseph B. Strauss gegangen wäre, um ein Haar ein Dasein in ganz gewöhnlichem Grau gefristet. Das benutzte rostige Orange war eigentlich ein Schutzmittel gegen Korrosion. Doch so, wie sie war, gefiel sie den Einwohnern von San Francisco, da sich der erdige Ton besonders gut vor der Kulisse der umgebenden Hügel machte. Und so beschloss Strauss, die Brücke zu belassen, wie sie war.

Vielleicht hat es mit dem Mythos zu tun, dass die Brücke auch heute noch die Lebensmüden aus allen Teilen des Landes anzieht, die sich aus 67 Metern Höhe – Flugzeit vier Sekunden – in die Fluten stürzen; die meisten übrigens mit Blick auf die Stadt. Vielleicht wollen Menschen, die nicht mehr weiter wissen, die letzten Sekunden ihres Daseins mit einem vollendeten Blick beschließen, vielleicht haben sie aber auch ganz andere Gründe. „There is hope, make the call", verkündet eine mittlerweile auf der Brücke eingerichtete Notrufsäule. Ob’s hilft?

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