Am Slogan, der hier stehen soll, wird noch geknobelt ;-)

Eine Reise durch das Gedächtnis der Nation

Wir müssen nur einen guten Kilometer zurücklegen, dann stehen wir vor einem Ort, der den Amerikanern viel bedeutet. Wie bei vielen der repräsentativen Bauten der Hauptstadt zieren Säulen das Antlitz des Monuments, doch hier nicht nur an der Vorderseite. Die 36 im griechischen Stil gehaltenen Säulen umgeben das komplette Bauwerk – weniger aus statischen Gründen. Sie symbolisieren jene 36 Staaten, die zu Lebzeiten Abraham Lincolns die Union bildeten. Wir betreten das Monument, in dem der wohl wichtigste Präsident der USA majestätisch thront und immer geradeaus hinüber zum Capitol blickt. Es ist, als wollte er akribisch darüber wachen, ob sein Erbe bei den heute Zuständigen in guten Händen ist. Kein Zweifel: Das war mal mehr, mal war es weniger der Fall.

Bild "Touren II:phil_wash_35.jpg"Lincolns Verdienst bestand darin, die Union in ihrer schwersten Zeit zusammengehalten und damit überhaupt erst die Voraussetzung geschaffen zu haben, dass die Vereinigten Staaten Jahrzehnte später zur Weltmacht aufstiegen. Lincoln, der den amerikanischen Bruderkrieg für die Union entschied, war ein Mann der Taten, weniger der Worte. Seine wichtigste Rede bestand aus nur 272 Wörtern, dauerte nicht viel mehr als zwei Minuten und erhielt von den damals Anwesenden nur mäßigen Applaus. Doch verrät sie den weiten Blick eines großen Staatsmannes. Sie ist so kurz, dass sie an der Südseite des Monuments in Stein gehauen ist. Wir lesen: „An uns ist es, uns der großen Aufgabe zu widmen, die noch vor uns liegt; mögen wir von diesen ehrwürdigen Toten lernen, uns mit noch größerer Hingabe der Sache zu verschreiben, für die sie alles gegeben haben; mögen wir den hehren Vorsatz fassen, dass diese Toten nicht umsonst gestorben sein sollen…" Das waren Lincolns Worte anlässlich der Einweihung des Soldatenfriedhofs auf dem Bürgerkriegsschlachtfeld von Gettysburg am 19. November 1863. Mit ihr verbeugte sich der Präsident vor den 30.000 Gefallenen aus Nord wie Süd, die in der Entscheidungsschlacht zwischen Unionstruppen und Konföderierten ihr Leben gelassen hatten. Er machte keinen Unterschied, auf welcher Seite sie gekämpft hatten. Für ihn waren sie alle Patrioten. Das wurde nicht von allen Zeitgenossen verstanden, aber es wahrte die Einheit des Landes.

Wir haben die Orte besucht, die den Amerikanern so etwas wie das Gedächtnis der Nation sind. Wir standen vor der Glocke, die 1776 geläutet wurde, als die von den 13 Neuenglandstaaten verabschiedete Unabhängigkeiterklärung öffentlich verlesen wurde. Wir fühlten die mit Blut getränkte Erde von Gettysburg, standen vor den Originalen von Unabhängigkeiterklärung und Verfassung, besuchten das Grab von George Washington. Doch es war nicht nur eine Reise ins Gestern. Wir sprachen mit Friedensaktivisten vor dem Weißen Haus, statteten Ground Zero in New York einen Besuch ab und versuchten herauszubekommen, wie sich Amerika heute fühlt. Wir waren am neu errichteten Gedenkstein von Martin Luther King und am Grab von John F. Kennedy – zwei Stätten, die auch etwas über die Rassenkonflikte von einst und die Vorbehalte zwischen Nord und Süd aussagen. Wir wandelten über die berühmteste Eichenallee der Welt und sahen, wie Sklaven früher lebten. Wir beteten mit den Schwarzen in Charleston, wandelten auf den Spuren der frühen spanischen Siedler und standen auf der Startrampe, von der aus 1969 Apollo 11 auf den Mond geschossen wurde. Viele symbolträchtige Orte, an denen man lernen kann, wie Amerika wurde, was es ist. Und neben all dem Staatstragenden war immer auch Zeit für anderes. Zum Beispiel für einen Rundgang am Times Square, auf dem sie inmitten von New York tatsächlich eine verkehrberuhigte Zone eingerichtet haben. Oder für einen Bummel über den flippigen Ocean Drive im Süden von Miami Beach. Kaum zu glauben, dass man dies alles auf einer einzigen Tour schaffen kann.

Die Ostküste ist ein weithin unterschätztes Traumziel. Denn sie ist mehr als die Metropole New York, mehr als die Hauptstadt Washington, mehr als der gemächliche alte Süden, mehr als die Sonnenstrände von Florida und Miami. Sondern sie ist alles auf einmal. Vielleicht macht euch unser Bericht neugierig – auf eine Region, die mehr zu bieten hat als die üblichen Ziele. Man muss sie nur suchen...

Viele Grüße
Inge und Gerd

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